Du kennst das Muster: Projekt akquirieren, Projekt abliefern, Projekt abrechnen — und dann? Wieder bei Null anfangen. Jeder Monat beginnt mit 0 Euro auf dem Konto und der bangen Frage: Kommen genug neue Aufträge rein?
Dieses Muster hat einen Namen: das Projekt-Hamsterrad. Und es hat drei grundlegende Probleme:
Die Lösung? Ein Geschäftsmodell, das auf wiederkehrenden Einnahmen basiert. In der Freelancer-Welt heißt dieses Modell: Retainer.
In diesem Artikel erfährst du, was ein Retainer genau ist, welche Arten es gibt, wie du den richtigen Preis findest — und wie du deinen ersten Retainer-Vertrag pitchst.
Ein Retainer (englisch: "Vorschuss" oder "Dauerauftrag") ist eine wiederkehrende Vereinbarung zwischen dir und einem Kunden. Der Kunde zahlt dir monatlich einen festen Betrag. Im Gegenzug erhält er:
Der entscheidende Unterschied zum Einzelprojekt: Der Umsatz wiederholt sich. Statt einmalig 5.000 Euro für ein Projekt zu bekommen, erhältst du z.B. 2.000 Euro pro Monat — dauerhaft.
| Kriterium | Projektarbeit | Retainer | |-----------|--------------|----------| | Einnahmen | Einmalig, schwankend | Wiederkehrend, planbar | | Akquise-Aufwand | Hoch (nach jedem Projekt) | Niedrig (Verlängerung) | | Kundenbeziehung | Transaktional | Partnerschaftlich | | Cashflow | Unvorhersehbar | Stabil | | Preisgestaltung | Pro Projekt/Stunde | Monatliche Pauschale | | Skalierbarkeit | Begrenzt | Hoch (stapelbar) | | Einstiegshürde für Kunden | Hoch (Gesamtbudget) | Niedrig (Monatsrate) | | Risiko für dich | Hoch (Lücken zwischen Projekten) | Niedrig (Grundauslastung gesichert) |
Nicht jeder Retainer funktioniert gleich. Je nach Branche, Leistung und Kundensituation eignet sich ein anderes Modell.
So funktioniert es: Der Kunde bucht ein monatliches Stundenkontingent (z.B. 15 Stunden/Monat). Du trackst deine Zeit und stellst monatlich ab.
Ideal für:
Preisgestaltung: Dein regulärer Stundensatz, eventuell mit 5-10% Rabatt für die Vertragsbindung.
Rechenbeispiel:
Regulärer Stundensatz: 95 Euro/h
Retainer-Rabatt (10%): 85,50 Euro/h
Monatliches Kontingent: 15 Stunden
= Monatlicher Retainer: 1.282,50 Euro
= Jährlich garantiert: 15.390 Euro
Vorteil: Einfach zu verstehen, niedriges Risiko für beide Seiten. Nachteil: Du verkaufst weiterhin Zeit statt Ergebnisse. Ungenutzte Stunden sind ein Streitthema.
Tipp: Lege fest, ob ungenutzte Stunden verfallen oder (begrenzt) in den Folgemonat übertragen werden. Die meisten erfahrenen Freelancer lassen sie verfallen — das schützt vor Stundenhortung.
So funktioniert es: Du definierst ein monatliches Deliverable-Paket mit klarem Umfang. Der Preis ist fix, unabhängig von der aufgewendeten Zeit.
Ideal für:
Preisgestaltung: Kalkuliere deinen internen Stundensatz x geschätzte Stunden, dann addiere 15-20% Marge. Der Kunde sieht nur den Paketpreis.
Rechenbeispiel:
Leistung: 4 Blogartikel + SEO-Optimierung/Monat
Interner Aufwand: ~20 Stunden x 90 Euro/h = 1.800 Euro
+ Marge (20%): 360 Euro
= Monatlicher Retainer: 2.160 Euro
Vorteil: Effizienz wird belohnt — je schneller du wirst, desto höher deine effektive Vergütung. Nachteil: Scope Creep ist ein Risiko. Definiere den Umfang glasklar.
So funktioniert es: Der Preis orientiert sich am messbaren Ergebnis für den Kunden — nicht an deiner Zeit oder dem Lieferumfang.
Ideal für:
Preisgestaltung: Orientiere dich am wertbasierten Pricing: Was ist das Ergebnis für den Kunden wert? Dein Retainer sollte 10-20% dieses Werts betragen.
Rechenbeispiel:
Deine Arbeit: Google Ads Management
Monatlicher Mehrumsatz für Kunden: 30.000 Euro
Dein Retainer (10%): 3.000 Euro/Monat
= Jährlich: 36.000 Euro
Vorteil: Höchstes Einkommenspotenzial. Entkopplung von Zeit = echte Skalierung. Nachteil: Setzt messbare Ergebnisse und großes Kundenvertrauen voraus.
Die größte Hürde für Freelancer ist oft die Preisfindung. Hier ein Framework in drei Schritten:
Berechne deinen Mindest-Retainer basierend auf deinem Zieleinkommen:
Jahres-Umsatzziel: 120.000 Euro
/ 12 Monate: 10.000 Euro/Monat
/ Gewünschte Retainer-Kunden: 4
= Mindest-Retainer pro Kunde: 2.500 Euro/Monat
Vergleiche mit den üblichen Retainer-Bereichen deiner Branche:
| Branche | Typischer Retainer/Monat | |---------|-------------------------| | Webentwicklung & Wartung | 1.000 - 4.000 Euro | | Design & Branding | 1.500 - 5.000 Euro | | Content & SEO | 1.000 - 3.500 Euro | | Social Media Management | 800 - 3.000 Euro | | Marketing-Beratung | 2.000 - 8.000 Euro | | IT-Consulting | 3.000 - 10.000 Euro | | Strategische Beratung (Fractional C-Level) | 5.000 - 15.000 Euro |
Biete immer 2-3 Optionen an — das verschiebt die Frage von "Ja oder Nein?" zu "Welches Paket?":
| Feature | Basic | Standard | Premium | |---------|-------|----------|---------| | Stunden/Monat | 10h | 20h | 40h | | Reaktionszeit | 48h | 24h | 4h | | Monatliches Reporting | - | Ja | Ja | | Strategie-Call | - | 1x/Monat | 2x/Monat | | Preis | 1.200 Euro | 2.200 Euro | 4.000 Euro |
Pro-Tipp: Die meisten Kunden wählen die mittlere Option. Deshalb sollte dein bevorzugtes Paket in der Mitte stehen.
Nicht jeder Kunde ist Retainer-tauglich. Hier sind die Kriterien, nach denen du filtern solltest:
Ein professioneller Retainer-Vertrag schützt beide Seiten. Diese Bausteine gehören hinein:
Die Exit-Strategie ist genauso wichtig wie der Einstieg:
Wichtig: Lass den Vertrag einmal von einem Anwalt prüfen. Die Investition (300-500 Euro) schützt dich vor teuren Streitigkeiten.
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Jetzt startenDer Pitch ist der schwierigste Teil — und der wichtigste. Hier ist ein erprobter Ablauf:
Der beste Zeitpunkt für den Retainer-Pitch ist direkt nach erfolgreichem Projektabschluss. Der Kunde ist zufrieden, die Zusammenarbeit ist bewiesen, und der laufende Bedarf liegt auf dem Tisch.
Schritt 1: Das Problem aufzeigen
"Jetzt wo die neue Website live ist — wer kümmert sich um laufende Updates, Security-Patches und Performance-Optimierung? Ohne regelmäßige Wartung verliert die Seite innerhalb von 6 Monaten an Geschwindigkeit und Rankings."
Schritt 2: Die Lösung anbieten
"Ich biete einen monatlichen Wartungs-Retainer an, der genau das abdeckt. Du musst dir keine Gedanken machen — ich überwache, optimiere und halte alles aktuell."
Schritt 3: Den Wert beziffern
"Ein Website-Ausfall kostet dich schätzungsweise 2.000 Euro pro Tag an entgangenem Umsatz. Mein Retainer von 1.500 Euro/Monat ist eine Versicherung gegen dieses Risiko — und gleichzeitig eine Investition in bessere Rankings."
Schritt 4: Optionen und nächste Schritte
"Ich schicke dir bis morgen ein Angebot mit drei Paket-Optionen. Wir könnten mit einem 3-Monats-Pilot starten, damit du den Wert testen kannst — kein langes Commitment nötig."
Ein 3-Monats-Pilot senkt die Einstiegshürde dramatisch. Statt "Binde dich für ein Jahr" sagst du: "Teste es 3 Monate. Wenn es nicht passt, hören wir auf." Die meisten Piloten werden verlängert — sobald der Kunde den Wert erlebt, will er nicht mehr darauf verzichten.
Das ultimative Ziel: Ein Portfolio aus 3-5 Retainer-Kunden, die deine Grundkosten decken. Alles darüber — Einzelprojekte, Workshops, Produkte — ist Gewinn.
Retainer-Kunde 1 (Webentwicklung): 2.500 Euro/Monat
Retainer-Kunde 2 (Content & SEO): 2.000 Euro/Monat
Retainer-Kunde 3 (Marketing-Beratung): 3.000 Euro/Monat
Retainer-Kunde 4 (IT-Support): 1.500 Euro/Monat
---------------------------------------------------
Wiederkehrender Monatsumsatz (MRR): 9.000 Euro/Monat
= Jährlich garantiert: 108.000 Euro/Jahr
+ Einzelprojekte (on top): ~30.000 Euro/Jahr
= Gesamtumsatz: ~138.000 Euro/Jahr
Ziel-Verteilung für ein gesundes Freelancer-Business:
So hast du eine sichere Basis, bleibst aber flexibel genug für spannende Projekte und kannst deine Preise am Markt testen.
| Phase | MRR-Ziel | Retainer-Kunden | Fokus | |-------|----------|-----------------|-------| | Start | 2.000 Euro | 1-2 | Ersten Retainer gewinnen, Prozesse aufbauen | | Wachstum | 5.000-8.000 Euro | 3-4 | Systeme etablieren, Kapazität optimieren | | Stabilität | 10.000+ Euro | 4-6 | Preise erhöhen, unrentable Kunden ersetzen | | Skalierung | 15.000+ Euro | 5-8 | Teilaufgaben delegieren, Subcontractor einsetzen |
"Erst mal günstig anbieten, dann kann ich den Preis ja später erhöhen." — Funktioniert fast nie. Kunden gewöhnen sich an den niedrigen Preis und wehren sich gegen Erhöhungen. Starte lieber mit einem fairen Preis und einem kleineren Paket.
Ohne klaren Leistungsumfang wird aus dem Retainer schnell ein All-you-can-eat-Buffet. Der Kunde schickt immer mehr Anfragen, du arbeitest immer mehr — für den gleichen Preis. Definiere glasklar, was drin ist und was nicht.
Wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert, brauchst du einen sauberen Ausstieg. Ohne Exit-Klausel hängst du in einem Vertrag fest, der dich Geld und Nerven kostet.
Ein einziger Retainer-Kunde ist kein stabiles Fundament — er ist ein Klumpenrisiko. Wenn dieser Kunde kündigt, bricht dein gesamtes Einkommen ein. Diversifiziere auf mindestens 3-4 Kunden.
Retainer-Kunden sind keine Selbstläufer. Du musst regelmäßig den Wert sichtbar machen: Monatsberichte, Ergebnis-Updates, Strategie-Calls. Kunden, die den Wert nicht sehen, kündigen.
Das Retainer-Modell ist der direkteste Weg aus dem Projekt-Hamsterrad. Es gibt dir Planbarkeit, reduziert Akquise-Stress und baut langfristige Kundenbeziehungen auf.
Die wichtigsten Takeaways:
Der erste Retainer ist der schwerste. Aber sobald du einen hast, wird der zweite leichter — und der dritte fast automatisch. Ein konkretes Beispiel dafür liefert die Fallstudie eines IT-Beraters, der sich Schritt für Schritt einen Retainer von €7.500/Monat aufbaute.
Weiterführende Artikel: Stundensatz berechnen als Freelancer · Wertbasiertes Pricing im Angebot · So findest du Freelancer-Kunden · Die 10 häufigsten Angebots-Fehler
Über den Autor
Julius
Julius ist Gründer von Proposal Air. Als ehemaliger Freelancer hat er selbst erlebt, wie viel Zeit Angebote fressen — und baut jetzt das Tool, das er damals vermisst hat.
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